So hatte ich mir das nicht vorgestellt! Mal eben einen schönen Urlaub machen, die Seele baumeln lassen, an nichts Böses denken – das ist ok. Aber unverschuldet und ungefragt in einen Strudel der Sorglosigkeit gezogen zu werden, das war nicht auf der Rechnung!
Hier in der Karibik ist der Teufel los. Fortwährender Sonnenschein, türkisblaues Meer und köstliche Speisen und Getränke verwandeln unbescholtene Menschen gleichsam zu Zombies. Und die grauenhafte Epidemie greift um sich! Die Symptome wirken zunächst harmlos: Die Gesichter sind zu einem blödsinnigen Dauer-Grinsen verzerrt. Menschen kichern und plappern sinnloses Zeug vor sich hin und stoßen völlig unmotiviert spitze Schreie aus. Andere wälzen sich nach nur wenigen Cuba Libre stundenlang wie sediert auf Liegen am Strand herum, ohne auch nur ansatzweise irgendeiner produktiven Tätigkeit nachzugehen. Im fortgeschrittenen Stadium bewegen sie ihre Körper, die einheimische Folklore entfernt erkennen lassend, zuckend und wackelnd durch die Gegend, was besonders bei rhythmisch unterbelichteten Mitteleuropäern sensationell verunglückt wirkt.

Eine Perversion des Krankheitsbildes stellen so genannte Volleyballspiele dar, wo sportlich durchaus engagierte, jedoch motorisch hoffnungslos überforderte Patienten versuchen, einen Ball irgendwie über das Netz zu befördern. Schläge treffen häufiger den Mitspieler, als den Ball. Deshalb endet solch ein Spiel nicht selten mit 16 bewusstlosen Kombattanten rund um das zerrissene Netz.

Noch nicht infizierte Menschen schauen verwirrt und erschrocken zugleich auf diese grausige Szenerie.

Grundsätzlich scheinen farbige Mitmenschen anfälliger für diesen Virus zu sein. Ob sie Opfer ihrer Mentalität wurden oder ob die dunkle Hautfarbe die Wirkung von Sonne und Hitze verstärken, kann ich nicht abschließend beurteilen. Zu meiner eigenen Sicherheit habe ich mir bei einem vertrauenswürdigen Händler hier vor Ort für wenig Geld einen silberfarbenen, reflektierenden Ganzkörper-Schutzanzug zugelegt, den ich jetzt ununterbrochen trage, um mich vor den schlimmsten Auswirkungen zu schützen.

Vor allem die Schweizer scheinen immun zu sein. Mit der Ihnen angeborenen mentalen Stabilität und ihrer tief verwurzelten Neutralität wirken sie in diesem pathologischen Sumpf wie Felsen in der Brandung. „Da machen wir nicht mit!“ Enthält nicht sogar die Schweizer Fahne zurückhaltende, symbolische Hinweise auf die medizinische Kompetenz dieser Nation?

 

Gut gelaunte Einheimische beim Entfernen von Gute-Laune-Resten. im Hintergrund ein Opfer.

Am schlimmsten sind die Einheimischen. Das Land ist arm, die Leute haben außer Sonne und Rum kaum etwas. Ein durchschnittlicher Dominikaner verdient im Monat so viel, wie ein guter SAP Berater bei uns in einer Stunde. „Dollars? It’s good to have’em Amigo, because if you don’t have, you have to work for it!“. In dieser Hitze arbeiten zu müssen, ist in der Tat eine biblische Strafe für sich. Und doch lächelt und grooved sich der Dominikaner durch den Tag, als ob es keine Euro-Krise gäbe. Im Prinzip beneidenswert, wüsste man nicht, dass dahinter diese schreckliche Krankheit steckt.

Aus der Ferne dringen Merengue-Klänge an mein Ohr. Ich merke, dass meine Beine anfangen zu zucken und meine eigentlich nicht vorhandene Hüfte unkontrollierte Bewegungen vollführt. Gerade noch rechtzeitig stopfe ich mir Ohrstöpsel rein…